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Engineering im Zeitalter der KI

Engineering im Zeitalter der KI

Dr.-Ing. Lena Golgolnia · 21. Oktober 2026 · 10 Min. Lesezeit

Kurz gefasst

  • KI hält schnell Einzug in die Ingenieurpraxis: In einer VDI-Umfrage gaben mehr als drei Viertel der Ingenieure und Programmierer an, Sprachmodelle zu nutzen, und 59 % der britischen Architekturbüros setzen KI ein.1,2
  • Der Nutzen ist früh im Projekt am größten, weil Fehler später teuer werden: Einen Anforderungsfehler im Betrieb zu beheben, kann 29- bis mehr als 1.500-mal so viel kosten wie in der Anforderungsphase.6
  • KI hilft bereits bei der Prüfung von Anforderungen, beim Erkunden von Entwurfsvarianten und bei der Dokumentation. Die automatisierte Prüfung gegen Vorschriften bleibt begrenzt, weil Regelwerke komplex, Rechtstexte mehrdeutig und Trainingsdaten knapp sind.10
  • Die Verantwortung geht nicht auf die Maschine über. Wer die Unterlagen unterschreibt, haftet weiterhin, und KI-Ergebnisse müssen auf Plausibilität geprüft werden.14
  • Die Rolle von Ingenieurinnen und Ingenieuren verschiebt sich vom Erstellen von Dokumenten zum Spezifizieren, Prüfen, Integrieren über Disziplinen hinweg und Entscheiden.

Das Problem, auf das KI trifft

Das Engineering für die gebaute Umwelt hat ein seit Langem bestehendes Produktivitätsproblem. Das McKinsey Global Institute stellte fest, dass die Arbeitsproduktivität im Bauwesen über zwei Jahrzehnte um etwa 1 % pro Jahr wuchs, gegenüber 2,8 % in der Weltwirtschaft und 3,6 % in der verarbeitenden Industrie.4 Ein großer Teil der Zeit von Ingenieurinnen und Ingenieuren fließt in das Erstellen, Abstimmen und Prüfen von Dokumenten statt in die Entscheidungen, die diese Dokumente festhalten.

Genau darin ist generative KI gut, und Ingenieurinnen und Ingenieure haben es bemerkt. In einer VDI-Umfrage aus dem Jahr 2025 mit 468 Teilnehmenden, überwiegend VDI-Mitgliedern, gaben mehr als drei Viertel der Ingenieure und Programmierer an, bereits Sprachmodelle zu nutzen, und 75 % der Befragten erwarteten spürbare Zeitersparnisse, vor allem bei Routineaufgaben.1 Im Vereinigten Königreich stieg der Anteil der Architekturbüros, die KI nutzen, innerhalb eines Jahres von 41 % auf 59 %.2 In Deutschland ist die Verbreitung in Architekturbüros geringer: 29 % der Mitglieder der Bundesarchitektenkammer nutzten 2025 KI-Werkzeuge in der täglichen Arbeit.3

>75 %der Ingenieure und Programmierer in einer VDI-Umfrage nutzen Sprachmodelle1
59 %der britischen Architekturbüros nutzen KI2
29 %der Mitglieder der deutschen Architektenkammer nutzen KI-Werkzeuge in der täglichen Arbeit3

Erste Ergebnisse aus Großprojekten zeigen, was möglich ist. McKinsey berichtet von einem europäischen Übertragungsnetzbetreiber, dessen KI-gestütztes parametrisches Entwurfswerkzeug bis zu 88 % weniger Stunden für Entwurf und Beschaffung benötigte, und von einer KI-gestützten Value-Engineering-Prüfung von mehr als 500 Spezifikationen in einem Paket der technischen Gebäudeausrüstung über 500 Mio. US-Dollar für eine Fabrik, die Einsparungen von 15–20 % gegenüber der ursprünglichen Basis fand.5 Das sind Einzelfälle, keine Durchschnittswerte. Sie zeigen die Richtung, keine Garantie.

Warum frühe Phasen mehr zählen als je zuvor

Alle Ingenieurinnen und Ingenieure kennen die Regel, dass Fehler umso teurer werden, je später man sie findet. Die NASA hat das beziffert: Kostet die Behebung eines Anforderungsfehlers in der Anforderungsphase eine Einheit, kostet derselbe Fehler im Entwurf 3–8 Einheiten, in der Herstellung 7–16, in Integration und Test 21–78 und im Betrieb 29 bis mehr als 1.500 Einheiten.6

Relative Kosten für die Behebung eines Anforderungsfehlers nach Projektphase Balken auf logarithmischer Skala: Anforderungen 1, Entwurf 3 bis 8, Herstellung 7 bis 16, Integration und Test 21 bis 78, Betrieb 29 bis mehr als 1.500. AnforderungenEntwurfHerstellungIntegration, TestBetrieb 1×3–8×7–16×21–78×29 bis >1.500× Logarithmische Skala. Kräftig: unteres, hell: oberes Ende der Spanne. Quelle: NASA, 2004.
Abbildung 1. Je später ein Fehler gefunden wird, desto teurer ist seine Behebung.6

Diese Kurve wirkt für KI in beide Richtungen. Früh eingesetzt, um Lücken und Widersprüche in Anforderungen zu finden oder viele Entwurfsvarianten zu erkunden, bevor man sich festlegt, hat KI ihre größte wirtschaftliche Wirkung. Ohne Prüfung eingesetzt, kann sie früh Fehler einbringen, die erst spät gefunden werden, am teuersten Punkt. Der Wert von KI im Engineering ist deshalb untrennbar mit der Qualität der Verifikation um sie herum verbunden.

KI im gesamten Lebenszyklus des Engineerings

Wie ausgereift KI ist, unterscheidet sich stark von Phase zu Phase. Ein realistischer Blick trennt, was in der Praxis bereits funktioniert, von dem, was noch Forschung ist.

Tabelle 1. Wo KI im Lebenszyklus des Engineerings hilft und wie ausgereift sie ist
PhaseWas KI tutReifegrad
AnforderungenBewertet die Qualität von Anforderungen und schlägt Verbesserungen vor; erzeugt Testfälle9Überwiegend Forschung; wenige produktive Einsätze7
Konzept und EntwurfErkundet über Surrogatmodelle schnell viele Varianten; parametrischer Entwurf5,13In der Forschung und in einzelnen Projekten bewährt
Prüfung gegen VorschriftenPrüft Entwürfe gegen Normen und VorschriftenBegrenzt; komplexe, mehrdeutige Regeln10,12
Spezifikation und PrüfungPrüft große Mengen von Spezifikationen auf Wirtschaftlichkeit und Konsistenz5Im Kommen bei Großprojekten
DokumentationEntwirft Berichte, Beschreibungen und KorrespondenzHeute weit verbreitet1

Anforderungen: vielversprechend, aber früh

Eine systematische Übersichtsarbeit zu 238 Studien über generative KI im Requirements Engineering ergab, dass über 90 % Forschung im Frühstadium waren und nur 1,3 % eine Integration auf Produktionsniveau erreichten. Die am häufigsten genannten Probleme waren Reproduzierbarkeit und Halluzinationen, jeweils in etwa zwei Dritteln der Studien. Die Autoren empfehlen KI als Assistenz bei der Validierung, nicht als autonomes Werkzeug.7 Ein Workshop des Systems Engineering Research Center im Jahr 2024 kam zu einem ähnlichen Schluss, warnte vor übermäßigem Vertrauen und nannte die richtige Einbindung des Menschen als offene Herausforderung.8

Entwurfsexploration: schneller zu Varianten

Surrogatmodelle, also Machine-Learning-Modelle, die auf detaillierten Simulationen trainiert wurden, können die Leistung von Hunderttausenden Gebäudeentwürfen in Sekunden abschätzen. Ihre Grenze ist der Näherungsfehler; deshalb konzentriert sich die Forschung auf Surrogatmodelle, die ihre eigene Unsicherheit angeben.13 Für Entwurfsteams verändert das die Ökonomie der Variantenuntersuchung: Viele Varianten früh zu vergleichen, wird günstig, und die detaillierte Simulation bleibt den wenigen vorbehalten, auf die es ankommt.

Prüfung gegen Vorschriften: der schwierigste Schritt

Die automatisierte Prüfung von Entwürfen gegen Bauvorschriften ist seit Jahrzehnten ein Ziel. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 kommt zu dem Schluss, dass sie weitgehend manuell bleibt und ein umfassendes automatisiertes System noch in weiter Ferne liegt, wegen der Komplexität der Regelwerke, mehrdeutiger Rechtssprache und knapper Trainingsdaten.10 Echte Fortschritte gibt es dort, wo Regelwerke und Datenformate dafür ausgelegt sind. Das digitale Genehmigungssystem CORENET X in Singapur ist seit Oktober 2025 für neue Projekte ab 30.000 m² verpflichtend und seit dem 1. Oktober 2026 auch für Projekte ab 5.000 m².11 In Deutschland hat eine Machbarkeitsstudie in Nordrhein-Westfalen BIM-basierte Baugenehmigungen an neun realen Projekten erprobt und festgestellt, dass sie nur funktionieren, wenn Modellierungsrichtlinien, Vorprüfungen und Prüfregeln als ein System zusammenwirken.12

Was sich für Ingenieurinnen und Ingenieure ändert

Die Systems Engineering Vision 2035 von INCOSE erwartet, dass KI Systemingenieurinnen und -ingenieure effizienter und wirksamer macht und die Praxis überwiegend modellbasiert wird.17 In meiner Arbeit über Architektur, Sensorhardware und Software hinweg sehe ich drei Verschiebungen in dem, was Ingenieurinnen und Ingenieure tatsächlich tun.

Vom Entwerfenzum Spezifizieren

Wenn KI Entwürfe erstellt, entscheidet die Präzision der Eingabe über die Qualität des Ergebnisses. Klare Anforderungen, Randbedingungen und Abnahmekriterien werden zum wichtigsten Produkt der Ingenieurarbeit.

Vom Produzierenzum Prüfen

Die Menge an Ergebnissen steigt; die entscheidende Fähigkeit ist, zu beurteilen, ob ein Ergebnis plausibel, vollständig und sicher ist, und es abzulehnen, wenn es das nicht ist.

Von Disziplinenzu Systemen

KI beschleunigt jede einzelne Disziplin. Der Wert liegt an den Schnittstellen zwischen Tragwerk, Gebäudetechnik, Energie, Software und Nutzung, wo Fehler teuer sind.

Abbildung 2. Drei Verschiebungen in der Rolle von Ingenieurinnen und Ingenieuren.

Keine dieser Verschiebungen macht Ingenieurinnen und Ingenieure weniger wichtig. Sie verlagern ihren Beitrag von der Menge zum Urteil, das schwerer zu automatisieren und für Auftraggeber wertvoller ist.

Verantwortung, Haftung und Daten

Die Berufsorganisationen sind in einem Punkt klar. Die Bundesingenieurkammer stellt fest, dass Ergebnisse KI-gestützter Berechnungen das menschliche Urteil nicht ersetzen können, dass Ingenieurinnen und Ingenieure KI-gestützte Ergebnisse auf Plausibilität prüfen müssen und dass haftbar bleibt, wer Planungsunterlagen unterschreibt, auch gegenüber dem Auftraggeber.14 Der VDI rät dringend davon ab, sensible technische Daten auf offenen Plattformen zu verarbeiten.1

Der rechtliche Rahmen bewegt sich in dieselbe Richtung. Nach der neuen EU-Produkthaftungsrichtlinie gilt Software, einschließlich KI-Systemen, als Produkt; die neuen Regeln gelten für Produkte, die nach dem 9. Dezember 2026 in Verkehr gebracht werden.15 Der EU AI Act verlangt von Organisationen, die KI nutzen, Maßnahmen zur Förderung der KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten.16 Für Ingenieurbüros bedeutet das dokumentierte Entscheidungen darüber, welche Werkzeuge wofür, mit welchen Daten genutzt werden und wie Ergebnisse geprüft werden. Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen, keine Rechtsberatung.

Prinzipien für die Praxis

Tabelle 2. Sechs Prinzipien für den Einsatz von KI im Engineering
PrinzipIn der Praxis
KI am frühesten dort einsetzen, wo Fehler am meisten kostenPrüfung der Anforderungen und Variantenstudien vor der Detailplanung
Jedes KI-Ergebnis hat einen PrüferEine namentlich benannte Ingenieurin oder ein Ingenieur prüft die Plausibilität, bevor Ergebnisse verwendet oder unterschrieben werden
Die verbindliche Grundlage bewahrenNormen, Berechnungen und Modelle bleiben die Referenz; KI-Ergebnisse verweisen auf sie
Daten von Auftraggebern und technische Daten schützenKeine sensiblen Daten auf offenen Plattformen; klare Bedingungen mit den Anbietern der Werkzeuge
Auf Schnittstellen hin planenÜber Disziplinen hinweg koordinieren; KI beschleunigt Teile, Menschen verantworten das Ganze
Festhalten, was generiert wurdeNotieren, wo KI eingesetzt und wie Ergebnisse verifiziert wurden

Engineering war schon immer die Disziplin, Dinge in der realen Welt zum Funktionieren zu bringen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. KI verändert, wie viel Ingenieurinnen und Ingenieure erstellen und erkunden können. An dieser Verantwortung ändert sie nichts. Am meisten gewinnen werden die Ingenieurinnen, Ingenieure und Büros, die KI nutzen, um weniger Zeit mit Dokumenten zu verbringen und mehr mit den Entscheidungen, für die es diese Dokumente gibt.

Häufige Fragen

Wird KI Ingenieurinnen und Ingenieure ersetzen?

Die Studienlage deutet auf einen Rollenwandel statt auf Ersatz. Ingenieurorganisationen betonen, dass KI-Ergebnisse das menschliche Urteil nicht ersetzen können und auf Plausibilität geprüft werden müssen, und wer unterschreibt, bleibt haftbar.

Kann KI Gebäudeentwürfe automatisch gegen Vorschriften prüfen?

Teilweise. Digitale Genehmigungssysteme wie CORENET X in Singapur und Pilotprojekte in Deutschland zeigen Fortschritte, doch die Forschung sieht eine vollständig automatisierte Prüfung gegen Vorschriften noch in weiter Ferne, weil Regelwerke komplex, Rechtstexte mehrdeutig und Trainingsdaten knapp sind.

Wo hilft KI in einem Ingenieurprojekt am meisten?

Früh: bei der Prüfung von Anforderungen auf Lücken und Widersprüche, beim schnellen Erkunden von Entwurfsvarianten mit Surrogatmodellen und bei der Vorbereitung der Dokumentation. Früh vermiedene Fehler sparen die meisten Kosten.

Ist es sicher, Projektdaten in öffentliche KI-Werkzeuge einzugeben?

Nicht bei sensiblen technischen Daten. Der VDI rät dringend davon ab, sensible technische Daten auf offenen Plattformen zu verarbeiten. Nutzen Sie Werkzeuge mit klaren Datenschutzbedingungen, und behalten Sie die Kontrolle über die Daten Ihrer Auftraggeber.

Welche Fähigkeiten sind für Ingenieurinnen und Ingenieure jetzt wichtiger?

Präzise Spezifikation, Systemdenken über Disziplinen hinweg, Verifikation und Tests sowie das Urteilsvermögen, ein Ergebnis anzunehmen oder abzulehnen und die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Quellen

  1. ingenieur.de: Generative KI im Ingenieurwesen, Freiräume für Innovation (1 Jul 2025)
  2. RIBA: Second RIBA AI Report shows surge in usage among UK architects (27 Jun 2025)
  3. IWW: Umfrage der Architektenkammer, erst 29 Prozent der Architekturbüros setzen schon KI im Büro ein (10 Nov 2025)
  4. McKinsey Global Institute: Reinventing construction through a productivity revolution (27 Feb 2017)
  5. McKinsey: Why the future of capital projects belongs to digital and AI-enabled teams (Oct 2026)
  6. Stecklein et al. (NASA): Error cost escalation through the project life cycle, INCOSE International Symposium 2004
  7. Cheng et al.: Generative AI for requirements engineering, a systematic literature review (2025)
  8. SERC: Report of the fifth AI4SE and SE4AI Research and Application Workshop (Sep 2024)
  9. INCOSE webinar 172: Enhancing systems engineering through generative artificial intelligence (S. Dam, 20 Mar 2024)
  10. Alnuzha, Bloch: The role of machine learning in automated code checking, a systematic literature review, ITcon 30 (2025)
  11. URA and BCA Singapore: Updates to CORENET X implementation plan, circular DC26-08 (23 Jul 2026)
  12. Land Nordrhein-Westfalen: Meilenstein mit bundesweiter Beachtung erreicht, NRW macht Bauordnung digital nutzbar (27 Apr 2026)
  13. Westermann: Advancing surrogate modelling for sustainable building design, PhD thesis, University of Victoria (2020)
  14. Bundesingenieurkammer: Verantwortung von Ingenieurinnen und Ingenieuren im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (May 2025)
  15. BUSE: What will change with the new EU Product Liability Directive (EU) 2024/2853 (26 Jun 2025)
  16. Cuatrecasas: The Digital Omnibus on AI, how does it impact employment relations? (25 Jul 2026)
  17. R. Hartmann (INCOSE): The Systems Engineering Vision 2035, towards the future of systems engineering, keynote at MBSE2022